Barbara Raudner hat alles gegeben und es geschafft – im November gelang ihr der Durchstieg von „Phallus Dei“ (8b)!

Barbara Raudner hat alles gegeben und es geschafft – im November gelang ihr der Durchstieg von „Phallus Dei“ (8b)!

 

Mit der Begehung von „Phallus Dei“ (8b) ging für mich ein großer Wunsch in Erfüllung!

Warum ist diese Route für mich so etwas Besonderes?
Steil, beeindruckende Linie, abwechslungsreiche Kletterei, extrem pumpig, ein Ausstiegsboulder mit einem außergewöhnlichen Move.

Der Klassiker!
Diese legendäre Route wurde 1986 von Robert Kerneza erstgegangen und rangierte zu dieser Zeit unter den ersten 10er Routen weltweit! Die Route befindet sich in der Arena, nahe bei Graz und als gebürtige Steirerin klettere ich natürlich besonders gerne im grünen Herzen Österreichs. Die lokale Kletterszene ist extrem sympathisch und gemeinsam mit den anderen fitten Mädels und Burschen pushten wir uns gegenseitig in den schweren Routen.

Mein Mann Hannes und ich wohnen ja seit Langem in Niederösterreich. Die Arena liegt also nicht gerade um`s Eck, aber die eineinhalb Stunden Autofahrt über den Semmering nahmen wir dennoch oftmals gerne in Kauf. Das Problem in der Arena sind in erster Linie die Bedingungen! Vor allem in der hinteren Arena, wo sich die Route „Phallus Dei“ befindet, bleibt es meist lange nass und wenn es wärmer wird, kondensiert die Luftfeuchtigkeit am Fels.

Kurz gesagt: es gibt wenige Tage im Jahr, an denen gute Bedingungen vorherrschen. Es so zu timen, dass man gerade dann vor Ort ist, vor allem, wenn man nicht dort wohnt und auch noch die Fitness für einen Durchstieg hat, ist eine große Herausforderung.

Ich habe die Moves von „Phallus Dei“ bereits im letzten Sommer ausgecheckt, aber die Route war bei unseren Besuchen eigentlich nie wirklich trocken und außerdem hatte ich für den 2-Finger-Zug im Ausstiegsboulder noch keine optimale Lösung parat.

Also kletterte ich die benachbarte Route „Trainingswahn“ 8a+ und verschob mein eigentliches Ziel auf heuer.

Als wir Anfang Mai von Spanien zurückkamen, wurde „Phallus Dei“ nach nur einem Tag des Probierens waschelnass. Mai und Juni gestalteten sich im Grazer Bergland wettertechnisch äußerst schlecht, es regnete immer wieder und die Route trocknete einfach nicht auf. Daher konnte ich erst im Sommer mit ernsthaften Versuchen in der Route beginnen. Obwohl es diesen Sommer in Österreich extrem heiß war, gelang es mir zwar in Abständen aber dennoch regelmäßig zur Phallus zu schauen.

Bei miesesten Bedingungen versuchte ich mir die Fitness für die Tour aufzutrainieren. Die Züge sind extrem pressig und besonders die runden Zangengriffe forderten meine Ausdauer, auch gibt es nur zwei, nicht wirklich gute, Raster und das Schwierigste kommt zum Schluss. Oftmals waren wir tagsüber zum Baden und schauten dann am Abend noch auf einen Sprung in die Arena.

Zum Glück für meine Motivation waren wir dort fast nie allein. Für mich ist „Phallus Dei“ die perfekte Tour, obwohl sie mir von der Art der Kletterei nicht entgegengekommen ist. Eigentlich sind alle Züge weit, das summiert sich und für den Crux-Boulder musste ich ein wenig tüfteln, um eine, für mich passende, Lösung zu finden. Im August fand ich schließlich heraus, dass ich vom 2-Fingerloch nicht direkt auf den Rettungshenkel schnappen konnte, sondern diesen Griff zuerst nur ganz unten erwischte, und dann nachschnappen musste, wo er viel besser war. In weiterer Folge musste ich mit der rechten Hand dazugreifen. Links benützte ich einen miesen Reibungstritt der näher am 2-Fingerloch war, als der markante Tritt den vermutlich die meisten anderen Kletterer für den Boulder verwenden. Diesen konnte ich mit meiner Größe jedoch nicht erreichen. Das Tolle am Klettern ist, dass es oft verschiedene Lösungsmöglichkeiten für einzelne Passagen gibt. Als ich den Boulder schließlich perfekt draufhatte, war ich total glücklich. Ab dem Moment stand für mich fest, ich würde die Tour bestimmt irgendwann durchsteigen können.

Im September herrschten schließlich erstmals brauchbare Bedingungen vor und ich konnte mit ernsthaften Versuchen beginnen. Der tägliche Blick auf den Wetterbericht wurde zu einem Psychokrimi! Immer wieder waren Regenfälle angesagt und in meinem Kopf ratterte es: „Wird der Sloper in der Mitte, von dem ich klippe, wieder nass werden oder hält der Fels dem Wasser noch stand und ich kann weiter probieren?“

Ich muss gestehen, die Bedingungen für die Route und die Nässeanfälligkeit der Arena waren für mich eine große mentale Herausforderung. Geduld ist auch nicht unbedingt meine Stärke. Ich bin aber richtig stolz, dass ich mich dieser Challenge gestellt habe und mich nicht von meinem Ziel abbringen ließ.

Man konnte von Zuhause aus nie abschätzen, ob die Arena trocken oder nass sein würde, das wissen oft nicht einmal die Locals, die schon jahrelange in diesem Gebiet klettern. Die Arena hat ihre eigenen Gesetze. Jedenfalls konnte ich im Herbst schließlich immer wieder gute Versuche in der Tour machen, gestoppt von einzelnen Tagen, an denen es zu nass war.

Im Oktober war ich schon superknapp am Durchstieg dran. Zweimal kletterte ich bis zur Ausstiegscrux. Beim ersten Mal war ich jedoch total überrascht, dort oben so frisch anzukommen, so dass ich mir zu wenig Zeit nahm um das 2-Fingerloch sauber einzufädeln. Zudem zog ich mir ein tiefes, blutendes Cut am Finger zu, was eine Pause von einer ganzen Woche bedeutete. Als ich beim 2. Mal an der Ausstiegscrux ankam, war ich nicht mehr ganz so frisch und rutschte daher wiederum aus dem 2-Fingerloch.

Am Mittwoch, den 14.11. 2018 war es dann jedoch soweit! Ich hatte extra zwei Rasttage eingelegt um physisch und psychisch möglichst fit zu sein. Wir wärmten in der angenehmen Herbstsonne auf und los ging es.

Alle Züge haben sich während des Durchstieges souverän angefühlt, ich hatte alles unter Kontrolle und spürte keinen Pump. Es fühlte sich plötzlich alles so perfekt an!

Als ich schließlich beim letzten Bolt vor der Abschlußcrux nochmals schüttelte, wurde ich erstmals nervös.

Ich sagte mir: „Jetzt total konzentrieren und sauber das rechte Knie nach unten drehen und das 2-Fingerloch langsam und entschlossen einfädeln. Nochmals fällst du hier nicht raus“ … und es hat funktioniert!

Ich habe es auf den Punkt gebracht und sobald ich den linken Griff in der Hand hielt, schoss mir so viel Adrenalin durch den Körper, dass sich jeder weitere Zug wie in Trance anfühlte. Bis zum Stand blieb ich höchst konzentriert und als ich das Top klippte entkam mir ein lauter Freudenjuchzer.

Ich bat Hannes mich noch ein bisschen am Stand baumeln zu lassen um den Moment so richtig genießen zu können. Das Gefühl in dem Moment war einfach unbeschreiblich! Meine Freude war überwältigend!

Ich habe mich für diesen Durchstieg wirklich sehr angestrengt, mich nicht von miesen Bedingungen oder meinem Finger (den ich mir bei der Crux immer wieder aufgerissen hatte) abhalten lassen und wurde nun dafür belohnt.

„Phallus Dei“ ist eine Traumlinie und eine meiner Lieblingstouren und daher nimmt sie in meiner Kletterkariere einen ganz besonderen Platz ein und hat für mich einen sehr hohen Stellenwert.

Ganz besonders freut mich auch, dass die Route, die es schon seit 1986 gibt, heuer endlich die ersten zwei Damenbegehungen in ihrer Geschichte bekommen hat. Schlussendlich möchte ich mich bei Hannes bedanken, ohne dessen Unterstützung dieses Ziel nicht realisierbar gewesen wäre. Bei Horst für die vielen Wetterinfos, bei allen Locals für stets positive Vibes und bei Michi Maili von Bigwall Production // www.mmARts für die tollen Fotos.

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